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„ALLES ROT – NAH DRAN“ im Postbahnhof
Benefizkonzert zu Gunsten der José Carreras Leukämie-Stiftung
SILLY in Berlin am 05.05.2011
SILLY-Fans
sind flexibel. Wir sind Magdeburg, Schwerin, Leipzig, Greifswald,
Hannover, Plauen, Halle, Freiberg, Hamburg, Dresden… Wir nehmen Urlaub
und wir nehmen weite Strecken in Kauf, um SILLY live zu erleben. Was wir
hingegen nicht gut können, ist geduldig sein.
Die fünf Monate ohne SILLY-Live-Droge
waren eine ziemlich lange Zeit. Aber am Donnerstag, dem 5. Mai, war es
endlich soweit. Die Live-Saison 2011 startete im Berliner Postbahnhof
mit einem ganz besonderen Konzert. „ALLES ROT – NAH DRAN“ war das Motto
des Benefizkonzerts zugunsten der José Carreras Leukämie-Stiftung. Und
genau so war es dann auch – ganz besonders und ganz nah dran.
Als
die ersten Töne des Intros erklingen, stehen wir endlich wieder in der
ersten Reihe. Tief durchatmen und das Live-Feeling einsaugen… Durch den
Vorhang sehen wir die Schatten, die uns zeigen, dass die SILLYs ihre
Plätze auf der Bühne eingenommen haben. Intensität und Lautstärke des
Intros steigern sich bis zu dem einen großen Schlag, mit dem alle live
einsetzen. Die Begeisterung greift unmittelbar auf das Publikum über und
so gehen die letzten Takte des Intros im Beifall des Publikums unter und
direkt in „Nackter“ über. Von dem Durchstarten, mit dem dieser Song für
mich verbunden ist, können wir aufgrund der sich vor uns drängenden
Fotografen leider nicht viel sehen. Aber zumindest hören wir bestens und
so kann ich die Augen schließen und einfach nur genießen.
Die
Reise durchs SILLY-Land beginnt – sie führt uns durch das Hier und Jetzt
und doch irgendwie meilenweit weg vom Alltag. Anfangs scheint die
Anspannung der Musiker fast greifbar, aber das macht sie nur noch
sympathischer. Zeigt sie uns doch, dass die SILLYs ihren Job und ihre
Fans ernst nehmen. Aber von Song zu Song schwindet die Anspannung und
die Begeisterung steigt in gleichem Maße. Dabei ist das besondere Gefühl
des Abends auf der Bühne wie auch im Publikum spürbar. Ich frage mich,
woran das liegen mag – an dem speziellen Anlass, am Glauben daran, dass
heute wichtige Menschen in unseren Gedanken dabei sind oder einfach
daran, dass meine eigenen Erinnerungen abschweifen in andere Zeiten.
An
einem Abend wie heute erscheint so mancher Text in einem neuen Licht,
erhält eine weitere Dimension. Gerade bei den ruhigeren Songs wie „Ich
verlasse mich“ oder „Erinnert“ kommen mir ganz andere Gedanken als
bisher in den Sinn und so wirken sie noch kraftvoller als sonst.
Plötzlich ist der Unterschied zu den rockigeren Titeln gar nicht mehr so
stark, der Übergang quasi nahtlos. Auch „Die Furcht der Fische“ und „S.O.S.“
lassen sich auf eine andere Dimension projizieren, als nur die Dinge
zwischen Himmel und Erde. Energie ziehe ich vor allem aus der „Mont
Klamott“-Version, die uns seit der Herbsttour 2010 begleitet. Bei dem
Song setzt die Gänsehaut ohnehin mit dem ersten Ton ein, aber bei der
Akustik-Einlage verstärkt sich die Wirkung nochmal um ein Vielfaches.
Unglaublich, wie kraftvoll die Rhythmik wirkt und den Eindruck
verstärkt, dass man hier und jetzt tatsächlich gemeinsam etwas bewegen
könnte. Und irgendwie stimmt das ja auch, immerhin sind durch dieses
Konzert einige Spenden zusammengekommen.
Der
Bogen schließt sich unmittelbar – beim Öffnen der SILLY-Schatzkiste wird
mir einmal mehr bewusst, dass Vergangenheit und Zukunft zusammengehören
wie Sonne und Regen. Jede noch so unangenehme Erfahrung birgt eine neue
Chance, auch wenn sich diese vielleicht nicht immer gleich erschließt.
Wir lassen uns also in die Vergangenheit entführen, genießen die
Erinnerungen an frühere SILLY-Jahre und eigene Lebenserfahrungen. Wer es
nicht weiß, würde den Übergang zum neuen Abschnitt nicht ohne weiteres
erkennen. Ein wesentlicher Charakterzug der SILLY-Songs ist, dass die
Texte zeitlos sind – aus einem aktuellen Anlass entstanden und doch auf
ganz andere Situationen individuell übertragbar. Auch über „Warum ich“
haben wir schon häufig diskutiert – noch ein Beispiel dafür, dass jeder
seine eigene Interpretation finden kann.
Den
folgenden Wechsel empfinde ich ziemlich drastisch – es ist ein Ausflug
in die laute, schroffe Welt. Wer “Erster sein“ will, muss vermeintlich
laut und auffallend sein, was oft mit wichtig und erfolgreich
gleichgesetzt wird. Obwohl das eine mit dem anderen nichts zu tun hat,
wird es häufig so gelebt und vielleicht liegt hier der Grund dafür, dass
ich mit diesem Song bisher nie so richtig warm geworden bin. Dann doch
eher der „Flieger“ – auch er steht dafür, in einer bestimmten Situation
Erster zu sein. Aber es ist bei weitem nicht das Gleiche, geht es doch
eher darum, für andere etwas zu wagen. Der „Kapitän“ passt mit der
Aufforderung, der individuellen Verantwortung gerecht zu werden,
thematisch gut in die Runde.
Bei
der 2010er Tour war „Wo bist du“ zwar nicht ständig an Bord, aber stets
ein gern gesehener Gast. Auch heute wird der Song bereits an den ersten
Takten erkannt und begeistert aufgenommen. Dann geht es auf die
Zielgerade. Doch „Alles Rot“ ist nicht einfach irgendein SILLY-Song. Es
ist ein Statement, ein Prinzip, das sich die SILLYs und auch viele ihrer
Fans zu Eigen gemacht haben. „In mir drin ist alles rot, das Gegenteil
von tot…“ stellt das mitsingende und klatschende Publikum lautstark
unter Beweis, so dass Anna feststellt: „Super, Berlin!“ Und mit der
„Alles Rot Reprise“ zeigen die Jungs auf der Bühne einmal mehr, dass das
ebenso für sie gilt. Es ist, als ob sie auch den letzten Ton, die letzte
Energie aus ihren Instrumenten herausholen wollen, um sie uns zu
schenken. Das Publikum nimmt dieses Geschenk dankbar an und reagiert
entsprechend enthusiastisch.
Nach
diesem furiosen Finale scheint für einen Moment keine Fortsetzung
möglich. Doch der begeisterte Applaus überzeugt die SILLYs, die sich zum
Glück nicht allzu lange bitten lassen und ein paar Zugaben spendieren.
Darunter einen weiteren Klassiker, der wenn es nach mir geht keinesfalls
fehlen darf. Nur wegen „Bataillon d’Amour“ freue ich mich von Anfang an
auf das Konzertende. Nach zwei weiteren Songs vom „Alles Rot“-Album
kommt der unwiderruflich letzte Titel des Abends – „Sonnenblumen“. Der
Gruß an Tamara gilt heute auch all jenen, die eine zusätzliche Dosis
positiver Energie gut brauchen können, genauso wie denen, die Tamara
Gesellschaft leisten. Noch einmal Gänsehaut bei diesem Song, der für
mich die Verletzlichkeit aber auch den Wert des Augenblicks
symbolisiert.
Im
Anschluss folgt die Übergabe der Spende, die durch den heutigen Abend
zusammengekommen ist – Geld, das dringend gebraucht wird. Den Scheck im
Wert von 25.000 Euro nehmen die Gäste von der Kinderklinik der Berliner
Charité und Dirk Michaelis als Botschafter der Carreras-Stiftung
symbolisch entgegen. Was bleibt, ist das schöne Gefühl, dabei gewesen zu
sein, an diesem besonderen Abend und ein Stück zur Unterstützung
beigetragen zu haben. Das passende Schlusswort kommt von Anna: „Vergesst
nicht, wenn es einem gut geht, soll man etwas davon abgeben!“ Dem ist
nichts hinzuzufügen.
Grit aus Berlin
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